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Weiß Blue, dass sie ein Hund ist?

Leni blickt nachdenklich zu einer türkisfarbenen Hundezeichnung mit Fragezeichen.

Eine kleine Geschichte über eine große Frage: Wissen Hunde, dass sie Hunde sind? Leni möchte herausfinden, ob Blue weiß, dass sie ein Hund ist – und warum Hundsein vielleicht gar kein Wort braucht.

Hunde wissen anders, wer sie sind

Leni lag auf dem Wohnzimmerteppich und schaute Blue an.

Blue lag auf ihrer Seite, die Pfoten ganz locker, die Nase zwischen zwei Kissen gekuschelt. Ab und zu zuckte ihr Ohr, als würde sie im Traum etwas hören.

Leni flüsterte: „Blue?“

Blue öffnete ein Auge.

„Weißt du eigentlich, dass du ein Hund bist?“

Blue blinzelte.

Dann seufzte sie so tief, als wäre das eine sehr große Frage für einen Nachmittag.

Leni setzte sich auf. „Mama? Weiß Blue, dass sie ein Hund ist? So wie ich weiß, dass ich ein Mensch bin?“

Mama kam mit einer Tasse Tee ins Wohnzimmer und setzte sich zu ihr.

„Das ist eine kluge Frage“, sagte sie. „Blue denkt wahrscheinlich nicht in Worten: Ich bin ein Hund.

„Nicht?“

Mama schüttelte den Kopf. „Wahrscheinlich nicht so, wie du denkst: Ich bin Leni, ich bin acht Jahre alt, ich bin ein Kind. Hunde denken anders als Menschen.“

Leni schaute zu Blue.

Woran Blue andere Hunde erkennt

Blue streckte sich, stand auf und schüttelte sich. Dann ging sie zum Fenster, weil draußen ein Hund bellte.

„Aber sie weiß doch, dass das ein anderer Hund ist“, sagte Leni.

Blue stand ganz still am Fenster.

Ihre Ohren gingen nach vorn.
Ihre Nase bewegte sich.
Ihre Rute hing ruhig.
Ihr Körper war aufmerksam.

„Ja“, sagte Mama. „Blue erkennt andere Hunde. Sie merkt: Dieser Geruch, diese Stimme, diese Bewegung gehören zu einem Hund.“

„Also weiß sie doch, was ein Hund ist.“

„Auf Hundeart, ja“, sagte Mama. „Sie weiß es nicht wie in einem Lexikon: Ein Hund ist ein Säugetier mit Fell, vier Beinen und einer guten Nase. Aber sie erkennt Hunde an ihrem Geruch, ihren Bewegungen, ihren Lauten und ihrer Körpersprache.“

Leni kicherte. „Ein Hunde-Lexikon würde bestimmt nur aus Gerüchen bestehen.“

Mama lachte. „Bestimmt.“

Blue drehte sich vom Fenster weg und kam zu Leni zurück. Sie schnupperte an Lenis Knie.

„Und weiß Blue, dass ich kein Hund bin?“

Mama nickte. „Ja, das merkt sie bestimmt. Du riechst anders. Du gehst anders. Du sprichst anders. Du hast keine Rute. Und du bellst nicht besonders gut.“

Leni setzte sich auf alle viere und machte: „Wuff!“

Blue legte den Kopf schief.

Dann nieste sie.

Leni lachte. „Sie findet mein Bellen komisch.“

„Vielleicht“, sagte Mama. „Blue weiß: Leni gehört zu mir. Aber Leni ist anders als ein Hund.“

Leni wurde nachdenklich.

„Dann weiß Blue: Ich bin Blue. Das ist Leni. Und andere Hunde sind irgendwie wie ich?“

Mama überlegte kurz. „So ungefähr. Blue erlebt die Welt nicht mit Schubladen wie wir. Sie denkt wahrscheinlich nicht: Ich gehöre zur Tierart Hund. Aber sie hat ein Gefühl dafür, wer ihr ähnlich ist.“

„Weil andere Hunde auch schnüffeln?“

„Ja. Und weil sie mit Hunden anders kommuniziert als mit Menschen.“

Leni sah Blue an.

„Wie denn?“

Mama zeigte auf Blue. „Wenn Blue einen Hund trifft, achtet sie sehr auf die Körpersprache: Wie läuft der andere? Ist sein Körper weich oder steif? Schaut er sie direkt an oder dreht er den Kopf weg? Kommt er schnell oder langsam? Wie riecht er?“

Leni nickte. „Bei Menschen achtet sie auch darauf.“

„Ja“, sagte Mama. „Aber Hunde sprechen die Hundesprache viel genauer. Mit ihrer Rute, ihren Ohren, ihrem Körper, ihrem Geruch, ihrem Abstand, ihren Bewegungen und vielen kleinen Signalen.“

Hundesprache ganz ohne Worte

Am Nachmittag gingen Leni, Mama und Blue zur großen Wiese.

Dort trafen sie die Nachbarshündin Maja.

Maja schnupperte am Gras. Blue sah sie schon von Weitem.

Blue wurde nicht wild. Sie blieb stehen und schaute. Dann schnupperte sie am Boden und machte einen kleinen Bogen, statt direkt auf Maja zuzulaufen.

„Warum läuft Blue einen Bogen?“, fragte Leni.

„Das ist höflich in der Hundesprache“, sagte Mama. „Viele Hunde mögen es nicht, wenn jemand frontal auf sie zustürmt.“

Blue und Maja schnupperten kurz. Erst am Boden. Dann aneinander. Anschließend gingen sie nebeneinander her.

Leni staunte.

„Blue spricht mit Maja, ohne ein Wort zu sagen.“

„Genau“, sagte Mama. „Und daran sieht man: Blue erkennt Maja als Hund. Sie benutzt ihre Hundesprache.“

Leni dachte nach. „Mit mir macht sie das auch ein bisschen. Aber nicht genauso.“

„Richtig“, sagte Mama. „Bei dir hat Blue gelernt: Leni ist mein Mensch. Leni versteht nicht alles sofort. Also zeigt Blue manches vielleicht deutlicher oder wartet auf deine Hilfe.“

Leni sah Blue an, die gerade mit Maja an derselben Stelle schnupperte.

„Vielleicht denkt Blue: Leni ist ein netter Mensch, aber ihre Nase ist wirklich schlecht.“

Mama lachte laut.

„Das könnte sein.“

Hundepost an der Laterne

Auf dem Heimweg blieb Blue an einer Laterne stehen und schnupperte besonders lange.

Leni wartete.

„Liest du gerade Hundepost?“, fragte sie.

Blue schnupperte weiter.

Mama sagte: „Hier kann Blue vielleicht riechen, welche Hunde dort waren. Für sie ist das eine wichtige Information.“

„So ähnlich wie: Aha, hier war Maja. Hier war ein großer Rüde. Und hier war ich gestern.“

„Genau.“

Leni sah auf ihre eigenen Hände.

„Ich kann das nicht riechen.“

„Nein“, sagte Mama. „Du bist eben Leni. Und Blue ist Blue.“

Blue ist einfach Blue

Zu Hause holte Leni ihr Malheft.

Sie malte drei Kreise.

In den ersten Kreis malte sie sich selbst: zwei Beine, Zöpfe und einen Schulranzen.

Darunter schrieb sie:

Mensch

In den zweiten Kreis malte sie Blue: vier Beine, Fell, eine Nase und weiche Ohren.

Darunter schrieb sie:

Hund

In den dritten Kreis malte sie Maja.

Darunter schrieb sie:

auch Hund

Dann malte sie zwischen Blue und Maja viele kleine Schnüffelwolken.

Zwischen Blue und Leni malte sie ein Herz, eine offene Hand und einen Napf mit Wasser.

Mama schaute über ihre Schulter. „Was bedeutet das?“

Leni erklärte: „Blue weiß vielleicht nicht mit Worten: Ich bin ein Hund. Aber sie merkt, dass Maja ihr ähnlich ist. Und sie merkt, dass ich anders bin, aber zu ihr gehöre.“

Mama lächelte. „Das hast du wunderbar verstanden.“

Am Abend lag Blue wieder auf ihrer Decke.

Leni setzte sich daneben.

„Blue“, sagte sie leise, „du musst gar nicht sagen können: Ich bin ein Hund.

Blue hob den Kopf.

„Du weißt auf deine Art, wie Hundsein geht.“

Blue legte den Kopf schief.

„Du schnüffelst. Du liest Spuren. Du sprichst mit deinem Körper. Du erkennst andere Hunde. Du weißt, wer vertraut ist. Und du weißt, dass du Blue bist.“

Blue stand auf, kam zu Leni und legte ihren Kopf auf Lenis Bein.

Leni streichelte sie sanft an der Brust.

Jetzt wusste sie:

Blue denkt wahrscheinlich nicht:

Ich bin ein Hund.

Nicht so, wie Leni denkt:

Ich bin ein Kind.

Aber Blue erkennt andere Hunde.
Sie versteht Hundesprache.
Sie merkt, wer ihr ähnlich ist.
Sie weiß, wer zu ihrer Familie gehört.
Sie erlebt ihren Körper, ihre Nase, ihre Pfoten und ihre Welt.

Und vielleicht ist das für Blue viel wichtiger als ein Wort.

Denn Blue muss nicht wissen, wie Menschen sie nennen.

Sie muss nur wissen:

Das bin ich.
Das ist meine Welt.
Das sind meine Menschen.
Und dort draußen riecht es nach Hundepost.

Blue seufzte zufrieden.

Und vielleicht bedeutete dieses Seufzen auf Hundeart:

Genau, Leni. Ich bin Blue. Und das reicht völlig.


Ein HUNDSANS-Gedanke

Hundsein braucht keine menschliche Definition. Hunde erleben sich über ihren Körper, ihre Sinne, ihre Beziehungen und ihre Umwelt. Unsere Aufgabe ist nicht, sie in menschliche Schubladen zu stecken, sondern ihnen zu erlauben, auf ihre eigene Art Hund zu sein.

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