Die Sache mit der Freundschaft
Eine kleine Geschichte über Freundschaft zwischen Kind und Hund – und darüber, wie ein Kind zuhören kann, auch wenn der Hund nicht mit Worten spricht.
Was macht eine gute Hundefreundin?
Leni lag auf dem Teppich und schaute Blue an.
Blue lag in ihrem Körbchen. Ihre Augen waren halb geschlossen, ihre Pfoten zuckten ein bisschen im Schlaf.
„Mama?“, fragte Leni leise. „Bin ich eigentlich Blues Freundin?“
Mama sah von ihrem Buch auf. „Ich glaube, Blue mag dich sehr.“
Leni runzelte die Stirn. „Aber mögen ist nicht dasselbe wie eine gute Freundin sein.“
Mama lächelte. „Das stimmt.“
Leni setzte sich auf. „Was macht denn eine gute Hundefreundin?“
Blue seufzte im Schlaf.
Mama legte das Buch zur Seite. „Eine gute Freundin ist nicht nur jemand, der kuscheln will. Eine gute Freundin merkt auch, was der andere braucht.“
Leni schaute zu Blue.
„Also nicht einfach immer anfassen?“
„Genau“, sagte Mama. „Auch wenn man jemanden sehr liebhat, darf man fragen: Möchtest du gerade Nähe? Oder brauchst du Ruhe?“
Leni nickte ernst. „Man kann mit dem Körper fragen.“
Das hatte sie schon gelernt.
Ein Ja, das man sehen kann
Sie rutschte langsam ein Stück näher zu Blue, aber nicht bis ans Körbchen. Dann legte sie ihre Hand locker auf den Teppich.
Blue öffnete ein Auge.
Leni flüsterte: „Du darfst kommen, wenn du möchtest.“
Blue hob den Kopf, streckte sich und kam langsam aus dem Körbchen. Sie schnupperte an Lenis Hand und stupste sie mit der Nase an.
„Sie hat Ja gesagt!“, flüsterte Leni.
Mama nickte. „Genau. Ein guter Freund achtet auf ein Ja.“
Leni kraulte Blue sanft an der Brust. Nicht fest. Nicht wild. Sondern langsam, so wie Blue es mochte.
Blue lehnte sich ein bisschen an sie.
„Und woran merke ich ein Nein?“, fragte Leni.
Mama sagte: „Wenn Blue den Kopf wegdreht, weggeht, sich duckt, gähnt, die Lippen leckt, steif wird oder sich versteckt, dann sagt ihr Körper vielleicht: Bitte lass mir Platz.“
Leni nahm ihre Hand kurz weg. Blue blieb liegen.
„Dann darf ich nicht beleidigt sein.“
„Genau“, sagte Mama. „Freundschaft heißt nicht: Du musst immer das tun, was ich möchte. Freundschaft heißt: Ich nehme dich ernst.“
Auch Blues Ideen sind wichtig
Am Nachmittag wollte Leni mit Blue spielen. Sie holte den Ball.
„Blue, komm!“
Blue schaute zum Ball. Dann schaute sie zum Garten. Dann schnupperte sie an der Tür.
Leni hielt den Ball hoch. „Aber Ball ist doch toll.“
Blue setzte sich hin.
Leni seufzte. „Du willst heute keinen Ball, oder?“
Blue blinzelte.
Mama kam dazu. „Vielleicht möchte Blue lieber schnüffeln.“
Leni dachte nach. Dann legte sie den Ball weg.
„Okay. Dann machen wir eine Schnüffelrunde.“
Draußen durfte Blue den Weg bestimmen. Nicht überallhin, natürlich. Nicht auf die Straße und nicht in Nachbars Gemüsebeet. Aber Leni ließ ihr Zeit an der Hecke, am Apfelbaum und an der kleinen Mauer.
Blue schnupperte sehr lange an einem Blatt.
Leni wartete.
„Ich glaube, das ist für Blue wie Zeitunglesen“, sagte sie.
Mama nickte. „Ja. Und du bist eine gute Freundin, wenn du ihr nicht immer nur deine Ideen gibst, sondern auch ihre Welt wichtig findest.“
Leni lächelte.
„Dann ist Freundschaft auch: Ich interessiere mich für dein Schnüffel-Zeitungsblatt.“
Blue schnupperte weiter, als wäre das Blatt die wichtigste Nachricht des Tages.
Wenn Blue eine Pause braucht
Später kam Lenis Freund Max zu Besuch. Max rannte ins Wohnzimmer.
„Blue!“, rief er. „Komm her!“
Blue stand auf, aber ihr Körper wurde kurz fest.
Leni stellte sich nicht vor Blue, aber sie hob freundlich die Hand.
„Warte kurz, Max. Blue mag es lieber langsam.“
Max blieb stehen. „Aber ich will sie streicheln.“
„Dann frag sie erst“, sagte Leni. „Du kannst dich seitlich hinstellen und warten, ob sie zu dir kommt.“
Max machte ein etwas ungeduldiges Gesicht, aber er versuchte es.
Blue schnupperte. Dann kam sie näher. Max streichelte sie vorsichtig an der Brust.
„So?“, fragte er.
„Ja“, sagte Leni. „Nicht über den Kopf beugen. Nicht festhalten. Und wenn sie weggeht, darf sie weggehen.“
Blue blieb kurz, dann ging sie zu ihrer Decke.
„Sie geht weg“, sagte Max enttäuscht.
Leni nickte. „Dann ist Pause.“
„Aber ich wollte noch.“
„Ich weiß“, sagte Leni. „Aber Blue wollte nicht mehr.“
Mama hörte es von der Küche aus und lächelte.
Leni setzte sich neben Max. „Ein guter Freund hält niemanden fest, nur weil er selbst noch nicht fertig ist.“
Max überlegte. „Auch nicht beim Hund?“
„Auch nicht beim Hund.“
So bin ich Blue eine gute Freundin
Am Abend half Leni beim Füttern. Sie stellte Blues Napf hin, aber sie griff nicht hinein, während Blue fraß.
„Beim Essen störe ich dich nicht“, sagte sie. „Das mag ich selbst auch nicht.“
Blue fraß ruhig.
Danach bekam Blue Wasser, eine saubere Decke und später eine kleine Ruhezeit.
Leni wollte ihr eigentlich noch ein neues Kunststück zeigen. Aber Blue rollte sich ein und schloss die Augen.
„Training morgen?“, fragte Leni.
Mama nickte. „Das ist freundlich.“
Leni holte ihr Heft und schrieb eine Liste:
- Ich frage mit meinem Körper, ob sie Nähe möchte.
- Ich lasse sie in Ruhe, wenn sie Ruhe braucht.
- Ich halte sie nicht fest.
- Ich erschrecke sie nicht absichtlich.
- Ich achte auf ihre Körpersprache.
- Ich lasse sie schnüffeln und Hund sein.
- Ich beschütze sie vor zu viel Trubel.
- Ich bin freundlich, auch wenn sie Nein sagt.
- Ich helfe ihr, wenn sie Angst hat.
- Ich liebe sie nicht nur so, wie ich es will, sondern so, wie sie es verstehen kann.
Leni las die Liste leise vor.
Bei Punkt zehn hob Blue den Kopf.
„Das ist der wichtigste Punkt“, sagte Mama.
Leni kroch zu Blue auf den Teppich, aber nur bis kurz vor die Decke.
„Blue“, flüsterte sie, „ich glaube, gute Freundschaft ist gar nicht nur Kuscheln.“
Blue blinzelte.
„Gute Freundschaft ist, wenn ich dich sehe. Nicht nur dein Fell. Nicht nur dein süßes Gesicht. Sondern dich.“
Blue stand langsam auf, kam zu Leni und legte ihren Kopf auf Lenis Bein.
Leni lächelte.
„Das ist jetzt dein Ja, oder?“
Blue seufzte zufrieden.
Und vielleicht bedeutete dieses Seufzen auf Hundeart:
Ja, Leni. So fühlt sich Freundschaft gut an.
Ein HUNDSANS-Gedanke
Freundschaft mit einem Hund zeigt sich nicht daran, wie viel er sich gefallen lässt. Sie zeigt sich darin, ob wir sein Ja und sein Nein wahrnehmen, seine Bedürfnisse ernst nehmen und ihm erlauben, Hund zu sein.